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| Bericht aus der Ibbenbürener
Volkszeitung v. Mo 31.12.2007
92 Jahre und immer noch auf dem Sprung Tecklenburg. Ihr soeben gekämmtes Haar hält eine Spange sehr akkurat in Zaum. Zwischen den sorgfältig gebügelten Kragenspiegeln ihrer Bluse blinkt eine fein ziselierte Brosche. Hinter der Goldrandbrille blitzen aufmerksame Augen ihr Gegenüber neugierig an. Milde Güte, nicht Altersbitterkeit, Dankbarkeit für gelebtes Leben, keine Spur von Selbstmitleid strahlt diese Frau aus. Wenn es den Idealtypus der liebenswerten Omi gäbe, Frieda Rakebrandt verkörperte ihn in Perfektion. Stolze 92 Jahre alt und immer noch unverzagt ist sie. Das soll ihr erst mal einer nachmachen.
Noch etwas anderes wird ihr auch so schnell niemand nachmachen können: Gründungsmitglied und dann 60 Jahre Mitgliedschaft im VdK, 52 Jahre unterwegs im Auftrag des Herrn für die Diakoniesammlung, und – so genau weiß sie es nicht – ein halbes Jahrhundert aktiv im Roten Kreuz. Frieda Rakebrandt hat sich immer als engagierte Bürgerin, als Frau mit dem Auftrag zu helfen, verstanden. Das verdient wahrlich große Anerkennung. 1915, während des Ersten Weltkriegs, kommt sie in Wilhelmshaven zur Welt. Ihr Vater fällt, Klein-Frieda wächst auf dem Hof der Mutter im Jeverland auf. Frieda Heeren, so ihr Mädchenname, bleibt ohne Geschwister und sucht sich nach der Volksschule eine Stellung. Damals vermittelt der Bund Deutscher Mädel (BDM), die junge Frau findet Arbeit im Haushalt eines Burgsteinfurter Tabakfabrikanten. Lernt in einer Hotelküche im gleichen Ort das Küchenhandwerk und betreut später die Witwe eines Oberamtsrichters in Oldenburg. Von der hat sie viel Geschirr bekommen. Das steht heute in der Wohnzimmervitrine. Im Juli 1943 heiratet sie ihren Heinrich, heißt nun Rakebrandt und kümmert sich – nun wieder in Norddeutschland – um Söhnchen Günter. Das Leid wiederholt sich: Auch Heinrich bleibt im Krieg, gilt als verschollen. Die junge Witwe und ihr Kind gehen nach Tecklenburg, wo ihre Mutter zuvor ein neues Glück gefunden hat. Und hier beginnt ihre ehrenamtliche Karriere. Bemerkenswert auch deshalb, weil die Frau weiter für den Lebensunterhalt sorgen muss und zwei Häuser an der Lindenstraße baut. 18 Jahre lang schmeißt sie den Haushalt von Oberkreisdirektor Werner Rinke. In der OKD-Villa an der Bahnhofstraße schlägt sie hervorragend ein. Bis heute hält sie lockeren Kontakt zur längst ebenfalls hoch betagten Witwe Rinke in einem Berliner Altenheim. Den VdK Tecklenburg gründet sie mit, denn auch sie ist ein Kriegsopfer, eine junge Witwe. Sie tritt dem Roten Kreuz bei, engagiert sich kirchlich und bekommt den Sammelbezirk der Diakonie. Das geht über einige Jahrzehnte so. Nun ist sie 92 und hat den Diakoniebezirk abgegeben. Aber Stullen fürs Rote Kreuz schmiert sie immer noch. Bei den Blutspendeterminen sei oft sie die erste, die Spender mit Kaffee versorge, berichtet sie. Christina Riesenbeck vom VdK-Stadtverband hat sie gerade erst für sagenhafte 60 Jahre Mitgliedschaft geehrt. Wenn Frieda Rakebrandt all das erzählt, gerät sie in Fahrt, lacht gerne, schlägt in ihre großen Hände, die von viel Arbeit zeugen. Mal springt sie unvermittelt auf und holt ein altes, vergilbtes Foto. Mal reißt der Erinnerungsfaden, was die alte Dame locker überspielt. Dann merkt man wieder ihre norddeutsch-rustikale Herkunft: „Ja, Donnerwetter, wie war das denn nochmal?“ Beliebt auch ihr Fragespiel (so versichert Sohn Günter): „Schätzen Sie doch mal, wie alt ich bin!“ – „Vielleicht 80?“ – „Ha, das geht jedem so!“ Wenn Gottvertrauen, Optimismus
und ehrlich gemeintes Engagement jung halten, wird Frieda Rakebrandt noch
eine ganze Reihe von Jahren glücklich und zufrieden in ihrem Häuschen
an der Lindenstraße erleben. Was sie sich zum neuen Jahr wünscht?
„Dass ich gesund bleibe und so weitermachen kann“. Im Januar ist ja wieder
Blutspendetermin in der Hauptschule. Da muss Frieda Rakebrandt Brote schmieren
und den Kaffee kochen.
VON JÖRG BIRGOLEIT
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