BERN. 4. November. In Ghana haben aus Europa importierte Altkleider
einen eigenartigen Namen. Man nennt sie ,,Obu-roni Wawu“, was in der Übersetzung
ungefähr ,,Der weiße Mann ist tot" heißt. Aber der Handel
mit diesen Textilien in Ghana und auch in anderen afrikanischen Ländern
lebt. So weit ist der Altkleiderhandel verbreitet, daß manche empfindsamen
Deutschen inzwischen ein schlechtes Gewissen plagt, wenn sie den Plastiksack
mit Altkleidern vor die Tür stellen: Ruiniere ich nicht mit meinem
Wohlstands-Plunder die afrikanische Textilindustrie und mache Menschen
arbeitslos? So fragten sich in letzter Zeit immer mehr Bürger, seitdem
das ,,Institut für Ökonomie und Ökumene Südwind" in
Siegburg bei Bonn vor drei Jahren das Sammeln von Altkleidern als gutgemeinte
Tat mit schlechten Folgen verdammte.
Seitdem hat die hitzige Diskussion in Deutschland sogar das Europäische
Parlament erreicht, und es sieht ganz so aus, als ob abgelegte Textilien
bald nicht mehr nach Afrika oder anderen Staaten der Dritten Welt exportiert
werden dürfen, weil sie ähnlich wie Sondermüll ein schädlicher
Abfall sind, und zwar kein ökologisch, sondern ein sozial gefährlicher
Reststoff. Gemäß dem Basler Übereinkommen darf aber Sondermüll
nicht aus lndustrie- in Entwicklungsländer verschifft werden. Dies
würde bedeuten, daß so manche Textilien, die nicht im Inland
wiederverwendet werden können, im Verbrennungsofen landen. Das ist
eine Lösung, die deutschen Textilhändlern am besten gefällt,
weil sie den Verkauf von neuer Kleidung fördert.
Die reichen Schweizer sammeln auch viele gebrauchte Kleider, denn das
hat eine lange Tradition. Doch sie sind weniger aufgeregt und viel pragmatischer
als die Deutschen. Also gab man eine detaillierte Untersuchung in Auftrag,
die den Verdacht
überprüfen sollte, Altkleider in Afrika seien tatsächlich
eine besonders perfide Art des Kolonialismus. Die Studie der Arbeitsgemeinschaft
Texaid, die am Dienstag in Bern vorgestellt wurde, kam zu entgegengesetzten
Ergebnissen: Danach gefährdet diese Billigware in Ghana und Tunesien,
den bedeutendsten Altkleider-Importeuren Afrikas, die Arbeitsplätze
nicht. In Tunesien ist ungeachtet der Einfuhren die Bekleidungsindustrie
sogar zweitgrößter Arbeitgeber des Landes, und in Ghana leben
150 000 Menschen vom Handel und vom Umarbeiten der gebrauchten europäischen
Hosen, Jacken und Hemden. Auch der Vorwurf feingeistiger deutscher Kritiker,
Afrikaner brauchten doch keine abgelegten Wintermäntel, scheint nicht
stichhaltig zu sein. In Ghana zumindest haben sich etliche Händler
gerade auf solche warmen Stücke spezialisiert, weil die vielen Nachtwächter
wissen, daß es auch in diesem Land nachts empfindlich kühl werden
kann.
Der Forschungsleiter der Schweizerischen Akademie für Entwicklung
(SAD) in Ghana, Daniel Obiri-Yeboah, sagte jetzt in Bern, selbst ein junger
Anwalt kaufe sich zunächst einen gebrauchten Anzug für das Gericht,
weil er sich einen neuen nicht leisten könne. Dieser kostet etwa 40
Dollar, der gebrauchte Anzug nur etwa ein Fünftel davon. Der Durchschnittslohn
in Ghana liegt bei etwa einem Dollar pro Tag. Wegen der großen Armut,
so Obiri-Yeboah, seien die Bürger aufgebrauchte Kleider angewiesen,
und daher seien auch 97 Prozent der Bürger gegen ein Importverbot.
Für die Studie wurden in Ghana etwa 1000 Personen befragt, und es
wurden Interviews mit Händlern und auch mit Beamten in Ministerien
geführt. Danach scheinen die Märkte für gebrauchte und neue
Textilien fast ganz voneinander getrennt zu sein. Die Krise der heimischen
Textilindustrie gab es überdies lange vor Beginn der Altkeider-Importe,
und sie hatte andere Gründe. Auch in Tunesien, wo man ebenfalls 1000
Personen befragte, sind Altkleider weit verbreitet. Sechzig Prozent der
Befragten gaben an, sie hätten in den vergangenen zwölf Monaten
solche Ware gekauft. Die erfolgreiche Textilindustrie des Landes gedeiht
dennoch, und zwar im Export.
Für den Auftraggeber der Untersuchung, Texaid, ist somit erwiesen,
daß es weder in Ghana noch in Tunesien einen Zusammenhang gibt zwischen
Alttextil-Importen und der heimischen Textilindustrie. Die deutsche
Untersuchung hält man für ein Schreibtisch-Elaborat.
Die Schweizer sind sogar der Meinung, daß ein lmportverbot gravierende
Folgen hätte für die Mehrheit der Bevölkerung, weil es einerseits
zahlreiche Arbeitsplätze in dem für Entwicklungsländer wichtigen
informellen Sektor der Wirtschaft vernichtete und zugleich viele Textilien
unerschwinglich machte.
Ähnlich wie in Deutschland gehen auch in der Schweiz nur etwa
zehn bis fünfzehn Prozent der gesammelten Textilien nach Afrika. Die
am besten erhaltene Ware wird in Europa in Second-hand-Läden verkauft,
weil man hier viel höhere Preise bekommt. Der Präsident des Texaid-Verwaltungsrates,
Fridolin Kissling, sagte, mit den guten Stücken mache man mehr als
die Hälfte des Gewinns, obwohl dies nur etwa fünf Prozent der
Altkleider seien. Texaid, eine 1973 gegründete Arbeitsgemeinschaft
von sechs schweizerischen Hilfswerken, hat daher zusammen mit einem Altstoff-Händler
ein eigenes Sortierwerk gebaut, in denn nicht weniger als 150 verschiedene
Textilien sortiert werden. 1996 sammelte man 13 000 Tonnen Kleider. Textilien
und Schuhe und machte einen Nettogewinn von umgerechnet 4,4 Millionen Mark,
der für gemeinnützige Zwecke auf die Hilfswerke verteilt wurde.
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